Vom Waldhof über die Philippinen in den Libanon und nach Malaysia – Der Weg von Andreas Esswein aus der Waldhof-Jugend in die Welt Vom Waldhof über die Philippinen in den Libanon und nach Malaysia – Der Weg von Andreas Esswein aus der Waldhof-Jugend in die Welt

News

Vom Waldhof über die Philippinen in den Libanon und nach Malaysia – Der Weg von Andreas Esswein aus der Waldhof-Jugend in die Welt

Vom Waldhof über die Philippinen in den Libanon und nach Malaysia – Der Weg von Andreas Esswein aus der Waldhof-Jugend in die Welt

///

Blickt man in die jüngere Vergangenheit des SV Waldhof zurück, so findet man viele Geschichten von Spielern, die aus dem Jugendbereich ihren Weg in europäische Topligen gefunden haben. Doch nicht nur in Europa findet man solche Spieler. In der Saison 2014/15 lief Andreas Esswein für die A-Junioren des SV Waldhof Mannheim in der Bundesliga auf. Der Weg, den er danach ging, könnte spektakulärer kaum sein. Als wir mit Andreas Esswein in Kontakt treten, befindet sich der 25-jährige gerade auf dem Weg nach Malaysia. Die Geschichte wie er dort gelandet ist, erzählt er euch im folgenden Interview.

 

Du bist 2014 für eine Saison in die A-Jugend des SV Waldhof Mannheim gewechselt. Wie kam es zu diesem Schritt und welche Erfahrungen hast du gesammelt?

Als jüngerer Jahrgang habe ich mich damals dazu entschieden, zum SV Waldhof Mannheim zu wechseln. Allein der Name war immer schon eine Hausnummer. Zuvor spielte ich immer nur höchstens in der Oberliga, weshalb das Jahr beim Waldhof definitiv etwas besonderes war. Fußballerisch war ich schon damals überzeugt, dass ich auf der richtigen Bühne bin. Vom Kopf her muss ich im Nachhinein sagen, dass ich noch nicht so weit war. Da steht man zum Aufwärmen auf dem Platz und auf einmal kommt dann der FC Bayern München mit dem großen Mannschaftsbus und Trainingsanzügen an den Alsenweg. Da war schon ein gehöriger Respekt vorhanden, der sich nicht immer positiv auf meine Leistung ausgewirkt hat. Dennoch war das eine tolle Zeit vom Verein und vom ganzen Umfeld her, auch wenn wir damals leider nicht den Klassenerhalt geschafft haben.

 

Wie ging es für dich nach dem Jahr beim SV Waldhof Mannheim weiter?

Nach dem Bundesligajahr beim Waldhof wollte ich unbedingt noch ein weiteres Jahr in der A-Junioren Bundesliga spielen und habe mich dann umgeschaut, welche Möglichkeiten ich habe. Und tatsächlich gab es einen Verein in Nordrhein-Westfalen, der mir einen Vertrag in der A-Junioren Bundesliga inklusive einer Ausbildung anbot. Das Angebot war für mich natürlich sehr interessant, da die Ausbildungsstelle für mich und vor allem meine Familie einen hohen Stellenwert hatte. So teilte ich den damaligen Verantwortlichen mit, dass ich den SV Waldhof wieder verlassen werde.

Doch leider gab es auf Probleme mit dem Angebot in NRW, da man mir auf einmal nicht mehr den Ausbildungsplatz garantieren konnte. Daher war für mich die Möglichkeit auf die Bundesliga wieder dahin. Eine Rückkehr zum Alsenweg war nicht möglich, da der Waldhof mittlerweile auch seine Kaderplanung abgeschlossen hatte. Durch die philippinische Nationalmannschaft, mit der ich aufgrund meiner doppelten Staatsbürgerschaft im Kontakt stand, konnte ich mich mit dem in Deutschland aktiven philippinischen Nationalspieler Stephan Schröck austauschen. Stephan habe ich viel zu verdanken, denn er hat mir 2016 meinen ersten Vertrag in der ersten philippinischen Liga ermöglicht.

 

Wie kann man die philippinische Liga grundsätzlich von der Qualität einschätzen?

Das ist keine einfache Frage. Es gibt drei Topteams, bei denen auch einige Spieler aktiv sind, die in europäischen Topligen unterwegs waren. Da ist dann auch das grundsätzliche Niveau sehr ordentlich. Nach unten gesehen ist dann aber definitiv eine große Lücke, da wird dann nicht mehr so guter Fußball gespielt. Der große Vorteil und auch der Grund, weshalb ich mich damals für die Philippinen entschieden habe, ist der AFC Cup und die AFC Champions League. Das ist quasi die Europa League und die Champions League von Asien und Australien. In den vergangenen beiden Spielzeiten hatte ich das Glück und konnte Champions League spielen. Und hier ist die Qualität wirklich sehr hoch. Hier spielen viele Stars die dann nochmal ihre Karriere ausklingen lassen möchten. Zum Beispiel Cristiano Ronaldo bei Al-Nassr FC könnte in der nächsten Saison dort spielen, wenn sie sich über die Liga qualifizieren. Ich selbst habe unter anderem gegen Teams aus China, Japan, Südkorea und Australien gespielt. Da trifft man dann zum Beispiel auf Renato Augusto oder andere ehemalige brasilianische Nationalspieler. Aber auch auf Spieler der Weltmeisterschaft 2022 in Katar bin ich getroffen und da ist natürlich eine sehr hohe Qualität. Ich messe mich persönlich auch mehr an der Champions League als an der Liga. Da wird ein so hohes Level gespielt, dass ich mich gut entwickeln kann. Wenn du Glück hast bei der Auslosung kannst du hier auf die ganz großen Namen des Weltfußballs treffen. Das reizt wirklich sehr.

 

Wie hoch ist der Stellenwert von Fußball auf den Philippinen und wie hast du dort gelebt?

Der Stellenwert von Fußball auf den Philippinen ist derzeit sehr gering. Das nationale Management für Sport hat den Hype aus dem 2010er Jahren nicht konservieren können. Damals waren sogar bei Trainingseinheiten mehrere tausend Zuschauer vor Ort. Das war schon beeindruckend. Die Sportart Nummer eins ist weiterhin das Boxen. Mit „Manny“ Pacquiao gibt es ja auch den weltbekannten Boxer. Fußball ist da wirklich noch weit weg und wird, sollte sich nicht entscheidend etwas ändern, den Abstand auch nicht verringern können.

Trotz der geringen Nachfrage an Fußball in den Philippinen hat man hier als Spieler gelebt wie ein Star. Die Entlohnung, wenn du deinen Vertrag auf den Philippinen unterschrieben hast, war wirklich gut. Der Lifestyle hat sich einfach schlagartig geändert. Ich kam aus Karlsdorf, einem kleinen Dorf bei Bruchsal und auf einmal bist du in einer Millionenstadt und lebst in einem Penthouse mit Swimming Pool und einer Sauna. Da verliert man schnell mal die Realität aus den Augen und fühlt sich wie der nächste Superstar und das ist mir schon etwas zu Kopf gestiegen. Das kann ich mir jetzt im Nachhinein auch eingestehen.

 

Nach 1 1/2 Jahren auf den Philippinen ging es für dich erstmal zurück nach Deutschland. 

Genau. Zunächst wäre ich allerdings fast in Thailand gelandet. Das hat sich jedoch aufgrund einer Regel für Importspieler leider zerschlagen. Ich bekam dann die Chance auf ein Probetraining in Irland, das allerdings mitten in der Saisonvorbereitung lag und quasi nur aus Waldläufen bestand. Dazu war das vom Lifestyle her wieder etwas komplett anderes. Während du auf den Philippinen gelebt hast wie ein Champions League Spieler in Europa, war man in Irland wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen.

Ohne Vertrag blieb mir nichts anderes übrig als nach Deutschland zurückzukehren. Das war dann auch wirklich eine Phase, die mir sehr schwer gefallen ist. Ich hatte zwar immer wieder Kontakt zu Vereinen, aber daraus ist nie so wirklich etwas geworden. In meinem Kopf hatte ich auch mit dem Sport schon so ein wenig abgeschlossen und entschied mich dazu, in Karlsdorf im Rathaus eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter zu machen. Das war auch damals der einzige logische Schritt. Nach meinem Fachabitur habe ich ja eigentlich alles aufgegeben für den Fußball auf den Philippinen. Zwei Jahre lang habe ich dann die Ausbildung im Rathaus gemacht, aber ich habe schnell gemerkt, dass das überhaupt nicht mein Leben war. Ich saß auf der Arbeit und habe die asiatischen Ligen verfolgt und mir immer wieder gesagt, dass ich jetzt selbst dort stehen könnte.

 

Wie ist dir der Schritt zurück nach Asien gelungen?

Ich habe einfach wieder angefangen zu trainieren und habe es geschafft Anfang 2020 ein Angebot von meinem ehemaligen Verein Global FC zu erhalten. Ich brach also meine Ausbildung ab. Doch dann kam Corona und das Leben stand still – auch auf den Philippinen. Statt Fußball auf den Philippinen zu spielen, saß ich in Deutschland ohne Ausbildung, ohne Einkommen in meinem alten Kinderzimmer. Und trotzdem habe ich mir zu dieser Zeit selbst ein Versprechen gegeben, dass ich alles geben werde, um den Schritt zurück in den Profifußball zu schaffen. Ich habe viele Laufeinheiten absolviert. Ich lief sogar einen Marathon um in Form zu kommen. Dabei verlor ich 10kg und war wieder richtig fit.

Und dann kam es wie es kommen musste. Stephan Schröck übernahm als Spielertrainer in den Philippinen einen Verein und schrieb mich an, nachdem er meine Fortschritte über Instagram gesehen hatte. Ich wechselte im März 2021 also wieder nach Asien zu United City FC in die AFC Champions League.

Leider gab es bei meinem neuen Verein United City FC während der Corona-Zeit einen Wechsel an der Vereinsführung, was zur Folge hatte, dass die Spielergehälter nicht pünktlich gezahlt wurden. Natürlich hat man sich finanziell Rücklagen bilden können, aber wenn du vier bis fünf Monate Rechnungen bezahlen musst ohne Einnahmen, dann wird das Geld irgendwann auch mal knapp. Stromkosten beispielsweise sind in asiatischen Ländern monatlich verdammt hoch, da hier ja bei den hohen Temperaturen quasi dauerhaft die Klimaanlage daheim läuft. Das war mir dann auf Dauer zu unsicher, weshalb ich meinen Vertrag im August 2022 aufgelöst habe. Mir war auch klar, dass ich mit der Erfahrung aus zwei Jahren AFC Champions League auch wieder etwas neues finden werde.

 

Zuletzt hast du dann einen Vertrag im Libanon bei Safa Beirut unterschrieben. Wie bist du im Libanon gelandet?

Ich habe zunächst in Deutschland den Spätsommer 2022 verbracht und in dieser Zeit ein Angebot aus Indonesien erhalten. Das war für mich sehr interessant, da dort bei jedem Spiel um die 60.000 Zuschauer ins Stadion gehen und dort geht es ab, fast so wie auf dem Waldhof. Hier waren wir uns auch weitestgehend einig, doch dann kam es im Oktober vor Ort zur großen Stadionkatastrophe mit 133 Toten, worauf die Liga ausgesetzt wurde und dementsprechend auch mein Vorvertrag seine Gültigkeit verlor.

Es hat dann zum Glück nicht lange gedauert, bis ich ein weiteres Angebot aus Malaysia bekommen habe, was mir sehr zugesagt hat. Mehrere Wochen habe ich auf meinen Vertrag gewartet, der aber nie bei mir ankam. Schließlich wurde ein Zoom-Call mit dem Vereinspräsidenten angesetzt, woraufhin der Vertrag geschickt werden sollte. Ich bin dann in den Anruf gegangen, aber es kam einfach niemand. Mit wurde mitgeteilt, dass gerade Hochwasser sei und sie daher keine Zeit hätten.

Etwas zeitgleich, Anfang Januar 2023, wurde ich von meinem Kontaktmann, der mich ursprünglich nach Indoniesen lotsen wollte, angeschrieben, dass er als Coach in Beirut übernimmt und ob ich dort hinkommen möchte. Das hat dann vom Budget auch gepasst und 45 Minuten später habe ich den Vertrag erhalten. Ich musste mich aber am gleichen Tag noch entscheiden, da um Mitternacht das Transferfenster im Libanon schließen sollte. Das war eine schwierige Situation, denn eigentlich wollte ich nicht wirklich in den Libanon, da ich mich mit dem Fußball in dem Land überhaupt nicht beschäftigt hatte und auch die Verhältnisse vor Ort nicht einfach sind. Trotzdem habe ich mich dazu entschieden, den Schritt zu wagen und habe den Vertrag unterschrieben.

 

Deinen Vertrag hast du jedoch bereits nach zwei Wochen wieder aufgelöst. Warum?

Ich habe in Malaysia Bescheid gegeben, dass ich in Beirut unterschreiben werde. Die haben sich aber nicht zurückgemeldet, da ja weiterhin Hochwasser vor Ort war. Malaysia war zwar attraktiver, aber ich habe gelernt, dass in Asien erst etwas wirklich zählt, wenn man etwas schriftlich vorliegen hat und das erste Gehalt überwiesen wurde.

Nach meiner Ankunft im Libanon habe ich dann erstmal einen Kulturschock erlebt. Ich habe schon viel gesehen aus meiner Zeit in Asien, aber der Libanon war nochmal eine andere Hausnummer. Vor Ort gab es keinen dauerhaften Strom. Das war immer so auf 12-13 Stunden begrenzt, wenn man Glück hatte waren es 17 Stunden. Ich bin nachts mit Handy-Taschenlampe durch die Straßen gelaufen weil es so dunkel war und auch die fußballerischen Voraussetzungen waren nicht die besten.

Meine Mannschaft war in der Tabelle auf dem 7. Platz und dachte, dass sie mit mir so einen Mbappé aus dem WM Finale mit vier Toren jedes Spiel erhalten. Das hat irgendwie alles nicht so richtig zusammengepasst. Zwei Wochen nach meiner Ankunft meldete sich dann doch wieder der Verein aus Malaysia und meinte, dass er mich gerne verpflichten würde und ob ich meinen Vertrag in Beirut auflösen könne. Daraufhin habe ich alles in Bewegung gesetzt, um den Libanon verlassen zu können. Nach Gesprächen mit dem Vereinspräsidenten haben sie mir dann auch meinen Wunsch erfüllt, wofür ich sehr dankbar bin.

Es ging dann zunächst zurück nach Deutschland und dieses Mal habe ich dann auch wirklich nach vier Tagen den Vertrag zugeschickt bekommen, den ich dann auch sofort unterschrieben habe. Und bereits am darauffolgenden Tag saß ich im Flieger nach Malaysia. Drei Stunden nach Ankunft ging es dann auch für mich direkt weiter mit der Mannschaft ins Trainingslager nach Thailand, wo ich mich jetzt aktuell auch gerade befinde. Hier habe ich gerade einen sehr guten ersten Eindruck. Allgemein hat der Fußball in Indonesien, Malaysia und Thailand einen sehr hohen Stellenwert. Da fühlst du dich beim Testspiel wie im Finale der Champions League.

 

Was für Erwartungen hast du jetzt an deinen Aufenthalt und deine Station bei Kelantan FC?

Ich habe schon in meiner Vergangenheit immer wieder Berührungspunkte zum Fußball in Malaysia gehabt. Wir hatten hier immer wieder mal ein Trainingslager und Testspiele. Daher ist die Vorfreude wirklich sehr groß, auch wenn ich jetzt noch gar nicht wirklich bei uns vor Ort am Trainingszentrum war. Das ist hier schon wirklich sehr professionell ausgestattet. Es gibt hier mit Johor Darul Ta’zim FC einen Verein, der ist von den Trainingsmöglichkeiten besser einzuschätzen als Manchester City. Das hat gerade erst die FIFA dem Verein bescheinigt. Hier wird der Fußball einfach richtig gelebt. Grundsätzlich hat die Liga auch ein sehr hohes Budget und dementsprechend sind hier auch viele gute Spieler. In Europa ist das einem oft gar nicht bewusst, was für Gelder in einem Land wie Malaysia in den Fußball fließen.

Die Saison wird keine einfache für uns werden, da wir als Aufsteiger uns erstmal etablieren müssen. Ich möchte natürlich jedes Spiel gewinnen, aber realistischerweise ist unser Ziel der Klassenerhalt. Unser Boss will aber die Liga gewinnen. Man kann wirklich nur empfehlen, die Liga mal etwas zu verfolgen. Über YouTube ist das möglich und es ist vom Niveau her ansehnlich. In unserer Liga dürfen pro Team maximal fünf Importspieler auf dem Feld stehen. Hier versuchen die Vereine dann immer mit viel Geld die bestmöglichen Spieler zu kaufen. Als Oberliga-Spieler in Deutschland kann man also nicht einfach mal nach Malaysia in die erste Liga wechseln. So einfach ist das tatsächlich nicht. Mein großes Glück ist mein philippinischer Pass. Daher zähle ich nicht zu den Importspielern, sondern konkurriere mit den Südostasiaten. Nur mit meinem deutschen Pass hätte ich überhaupt gar keine Chance auf eine der Importstellen in der 1. Liga.

 

Inwiefern hast du noch Kontakt zum Waldhof, bzw. verfolgst du die Entwicklung in und um den Verein?

Der Waldhof ist und bleibt für mich einfach der beste Verein. Wenn ich in Deutschland bin, gehe ich auch ins Stadion. Es macht mich einfach sehr stolz, dass ich in der Jugend ein Jahr ein Teil des Vereins sein durfte. Ich wünsche mir, dass der Waldhof weiter seinen Weg geht und wieder in die höchste deutsche Spielklasse gelangt. Das Umfeld, die Tradition, die Fans – das ist ein besonderes Feeling, ich kann das gar nicht erklären. Der Verein gibt einem das Gefühl dabei zu sein und das ist etwas besonderes im Fußball. Wenn du einmal beim Waldhof gespielt hast, dann bist du ein Waldhöfer. Ich erinnere mich an ein Heimspiel am Alsenweg in der U19 gegen den FCK. Da war dann die Tribüne auf einmal komplett voll und einem wurde so richtig bewusst, für welchen Verein man hier spielt und was für eine Bedeutung das hat. Und auch deshalb ist für mich Südostasien so interessant, weil hier sind die Fans wirklich sehr ähnlich. Total emotional und vereinsverbunden.

18.01.2023

Jetzt Tickets sichern!